Headergrafik Interview mit Domingos de Oliveira

Die Branche lässt sich eine Chance entgehen

Interview mit dem blinden Berater für digitale Barrierefreiheit Domingos de Oliveira

Veröffentlicht am 14. März 2018

Domingos de Oliveira, Jahrgang 1978, ist Dozent und Berater für digitale Barrierefreiheit aus Bonn. Er hält Vorträge, führt Workshops durch und hat das Buch „Barrierefreiheit im Internet“ verfasst. De Oliveira ist von Geburt an blind und hat an der Uni Marburg Politikwissenschaft und Soziologie studiert. Für unseren Bericht „Wie barrierefrei ist Werbung? Medienwahrnehmung von blinden und sehbehinderten Menschen“ im Rahmen unseres Jahresthemas Kommunikation haben wir uns mit ihm unterhalten.

 

Herr de Oliveira, welche Art der Sehbehinderung haben Sie?

Ich bin gesetzlich blind mit einem kleinen Sehrest: Farben, Schemen und Umrisse kann ich noch erkennen.

Welche Art der Medien nutzen Sie im Alltag? Welche Hilfsmittel haben Sie dabei und was bereitet Ihnen Schwierigkeiten?

Ich benutze zu 100 Prozent das Internet. Ich habe keinen Fernseher und benutze kein Radio. Die meisten Probleme treten im Zusammenhang mit interaktiven Seiten oder Multimedia-Inhalten auf. Dazu gehört etwa die Steuerung von YouTube und ähnlichen Plattformen. Die Player sind in der Bedienung recht hakelig, Werbe-Clips lassen sich häufig nicht überspringen. Ich benutze eine Vorlese-Software namens Screenreader, um mir Bildschirm-Inhalte vorlesen zu lassen.

Thema Barrierefreiheit in den Medien:
Was läuft schon gut? Wo gibts es noch Nachholbedarf?

Die klassischen Medien benutze ich wie gesagt kaum noch. Flächendeckend würde ich mir leichter bedienbare Player auch in den Mediatheken der großen Medien wünschen. Da ich auch schwerhörig bin würde ich mir wünschen, dass sich die Sprache lauter und die Hintergrundgeräusche bzw. Musik leiser stellen ließen.

Welche Art der Werbung nehmen Sie war?

Die meisten Werbeclips sind rein visuell orientiert. Man erfährt also als Blinder (oder wenn man nicht hinguckt) gar nicht, welches Produkt konkret beworben wird. Zusätzlich besteht beim Computer das Problem, dass neben dem Werbeinhalt auch die Sprachausgabe läuft, so dass zwei verschiedene Soundquellen einander überlagen. Ich vermeide deshalb Websites, bei denen selbststartende Werbeclips eingebunden sind. Die Bannerwerbung bekomme ich nur als farbige Flächen mit, die sich gelegentlich ändern. Nur Anzeigen mit richtigem, also nicht in Banner eingebundenen Text bekomme ich tatsächlich mit.

Haben Sie eine Bitte bzw. Apell an die Medien- und Werbebranche?

Ich denke, die Branche lässt sich da eine Chance entgehen, eine größere Zielgruppe mit ihrer Werbung zu erreichen. Sie sollte lernen, Blinde und die zahlenmäßig noch größere Zielgruppe der Sehbehinderten ernst zu nehmen. Da viele ältere Menschen schlechter sehen, ist es auch sinnvoll, diese Zielgruppe zu bedienen, indem etwa bessere Kontraste, besser lesbare Texte und weniger bewegte Animationen angewandt werden. Als Schwerhöriger, dessen Lautsprecher häufig lauter aufgedreht sind wünsche ich mir Werbung, die weniger laut loslegt.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin alles Gute für Sie.

 

Mehr über Domingos de Oliveira und seine Arbeit finden Sie unter netz-barrierefrei.de

 

 

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